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Traumreise in das Land der Pfirsichblüten

14. September 2015  |  Jinwook Jung

»Traumbesuch«

 

2015

für Streichquarett

Wenn ich nach einem witzigen und interessanten Traum aufwache, blicke ich in den Traum zurück und versuche mich zu erinnern, wie er begonnen und geendet hat. So kann ich manchmal stundenlang in meinen Gedanken bleiben, um den Traum im Kopf zu rekonstruieren.

In der Nacht vom 20. April 1447 hatte Prinz Anpyeong einen sehr mysteriösen Traum, in dem er auf einem Weg war, der ihn nach vielen extrem grotesken Situationen zu einem himmlischen Ort (Paradies) voll mit schönen Pfirsichblüten geführt hat. Der Traum war so ungewöhnlich, dass er ihn niederschrieb, nachdem er aufwachte, um sich an ihn zu erinnern. Danach rief er An Gyeon zu sich – den damaligen Maler der königlichen Familie – beschrieb ihm alles, was er im Traum gesehen hat, und befahl ihm, ein Bild des Traumes zu malen. Das Ergebnis dieses Auftrages war das Gemälde „Traumreise in das Land der Pfirsichblüten“ – das größte Meisterwerk unter allen existierenden Kunstwerken aus der Joseon-Dynastie.

Ich hatte einen ganz anderen Eindruck von diesem Gemälde als von allen anderen aus der Joseon-Dynastie. Im Bild gibt es herrliche und ausdrucksvolle Farben und Formen, die in keinem anderen Landschaftsbild der Joseon-Dynastie zu finden sind. Außerdem gibt es auf dem Bild auch keine einzige Menschengestalt. Das alles schafft eine geheimnisvolle und surreale Atmosphäre. Das Besondere an dem Bild sind aber vier verschiedene Perspektiven, die sich zwar voneinander deutlich trennen lassen, an sich bleibt aber das gesamte Bild schlüssig. Ich war von dem Gemälde umso mehr fasziniert, weil mich die Geschichte vom Prinz Anpyeong an meine eigene Gewohnheit erinnert hat, die Träume nach dem Schlaf zu rekonstruieren. Ich fühlte mich noch mehr verbunden mit dem Bild, so habe ich entschieden ein Stück zu schreiben, das mein Gefühl auf meine eigene Art und Weise ausdrücken würde.

Träume sind meistens vage und widersprüchlich. So ist es auch in meinem Stück: die Themen und Geschichten sind zusammen gemischt, wie Erinnerungen an einen Traum, die nie in der richtigen Reihenfolge abgerufen werden können. Vor fast 600 Jahren hat An Gyeon in seiner Darstellung des himmlischen Landes die Merkmale dieser bizarren Träume abgebildet. Auf ähnliche Art und Weise habe ich versucht das Streichquartett zu behandeln: vier Instrumente stehen zueinander wie die vier Perspektiven dieses Bildes. 

Jinwook Jung